Hanse-Telegramme

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Die Hanse-Telegramme werden von unserem Mitglied Uwe Bahnsen erstellt. Uwe Bahnsen ist Journalist, Buchautor und Übersetzer und seit 1975 für Die Welt und Welt am Sonntag tätig.

HANSE-TELEGRAMM NR. 36:

Teterboro Airport ist ein Privatflughafen 26 Kilometer nordwestlich von Manhattan. Wer dort startet oder landet, ist in der Regel Multimillionär und VIP. Auf dem Rollfeld standen am Abend des 6. Juli einige unauffällige Figuren, Beamte des New York Police Department (NYPD). Sie warteten, bis eine aus Paris gelandete silbergraue Boeing 727 mit eleganten Längsstreifen ihre endgültige Position erreicht und der Eigentümer diesen Privatjet verlassen hatte. Dann nahmen sie ihn fest und führten ihn ab: Jeffrey Epstein, Milliardär, Freund vieler Promis in aller Welt – und rechtskräftig verurteilter Triebtäter mit einem Eintrag in der entsprechenden Datei. Mittlerweile sitzt er im Metropolitan Correctional Center in U-Haft.

Zwei Tage später, am 8. Juli, wurde der 66-jährige Investmentbanker einem Ermittlungsrichter vorgeführt, und nun wurde ihm eröffnet, was die Staatsanwaltschaft New York ihm vorwirft: Sexueller Missbrauch Minderjähriger in Dutzenden von Fällen, verbunden mit Zuhälterei. Epstein soll seine Opfer auch aufgefordert haben, ihm in ihrem Umfeld, aber auch im Ausland, für seine Taten weitere minderjährige Mädchen zu besorgen. Dabei lockte er sie mit Geldgeschenken. So unterhielt er einen Sexring.

Epstein war früher für Pool-Partys berüchtigt, bei denen Minderjährige „Massagedienste“ anboten. Daraufhin ermittelte das FBI und fand heraus, dass Epstein Dutzende Mädchen in seinen Villen in Florida und New York nicht nur missbraucht, sondern auch zur Prostitution angeboten hatte. Das alles hätte den Milliardär für viele Jahre hinter Gitter bringen können. Tatsächlich aber kam er damals mit 18 Monaten Haft davon.

Grund dafür war ein außergerichtlicher „Plea Deal“, der die Ermittlungen gegen ihn beendete. Danach bekannte Epstein sich schuldig, Minderjährige zur Prostitution veranlaßt zu haben. Darüber hinaus zahlte er mehreren Frauen Schmerzensgeld und ließ sich als Triebtäter registrieren. Im Gegenzug erhielt er eine milde Strafe und entging einem Verfahren vor einem Bundesgericht. Nach 13 Monaten kam er aufgrund guter Führung wieder frei. Der „New York Times“ zufolge hatte er das Gefängnis außerdem sechsmal pro Woche verlassen können, um in seinem Büro zu arbeiten. Schon damals gab es erhebliche Kritik an diesem Deal, den Epstein vor allem dem damaligen Bundesanwalt in Miami, Alexander Acosta, zu verdanken hatte, denn der hatte die Vereinbarung mit ausgehandelt. Er wurde von Donald Trump im April 2017 als Arbeitsminister in die US-Regierung berufen.

Bis zu diesem Punkt ist der Fall Epstein der unappetitliche Sex-Skandal um einen Milliardär, der geglaubt hat, er könne mit seinem Geld und seinen Beziehungen zu einflussreichen Freunden mit jungen Mädchen ungehemmt sexuellen Ausschweifungen nachgehen. Aber hier beginnt eine weitere Geschichte, und die ist dazu angetan, uns hoffen zu lassen. Es geht um Julie K. Brown, eine 57-jährige Journalistin, die ganz einfach nicht hinnehmen wollte, dass in ihrem Land, in den Vereinigten Staaten, empörende Missbrauchsfälle einfach unter den Teppich gekehrt wurden und damit genauso ungesühnt blieben wie in der Katholischen Kirche. Sie begann zu recherchieren. Das Ergebnis war eine Serie, die im November 2018 in ihrer Zeitung, dem „Miami Herald“, mit dem anklagenden Titel „The Perversion of Justice“ erschien – empörende Geschichten über den wirklichen Fall Epstein. Sie führten dazu, dass die bereits eingesargten Ermittlungen wieder aufgenommen wurden und Jeffrey Epstein am 6. Juli erneut in Haft kam. Der New Yorker Bundesanwalt Geoffrey Berman sagte auf einer Pressekonferenz, die Arbeit seines Teams sei durch „exzellenten investigativen Journalismus“ sehr unterstützt worden.

Julie K. Brown hatte geschafft, was eigentlich Sache der Justiz gewesen wäre: Mit viel Geduld und weiblichem Einfühlungsvermögen hatte sie das Vertrauen der Opfer gewonnen und sie dazu gebracht, dass sie erzählten, was sie wirklich erlebt und erlitten hatten: In Epsteins vornehmer New Yorker Residenz 9 East 71 Street, nicht weit vom Central Park, einer siebenstöckigen Luxusimmobilie von über 50 Millionen Dollar Verkehrswert, in seinem ebenso luxuriösen Anwesen am El Brillo Way in Floridas Palm Beach, auf seiner 72 Hektar großen karibischen Privatinsel Little St. James, auch „Orgys Island“ genannt, und auch in seinem verschwenderisch ausgestatteten Privatjet, der Boeing 727, die auch als „Lolita Express“ bekannt war, denn an Bord dieser Maschine fanden, während sie in der Luft war, Sexorgien statt. Nun konnte ganz Amerika im „Miami Herald“ nachlesen, wie Epstein sich bis zu dreimal täglich an minderjährigen Mädchen vergangen hatte, von denen einige erst 13 und 14 Jahre alt waren, und mit welchen abgefeimten Methoden er sie dazu brachte, weitere Mädchen für ihn zu beschaffen.

Nachdem Epstein im Teterboro Airport festgenommen worden war, schrieb Brown auf Twitter als Reaktion auf die Glückwünsche, die sie überall aus den USA erhielt: „Die wahren Helden dieser Geschichte sind die tapferen Opfer, die sich ihrer Angst stellten und ihre Geschichten erzählten“. Konkret geht es um Taten im Zeitraum von 2002 bis 2005.

Inzwischen hat der Skandal um Jeffrey Epstein, und das ist die dritte Geschichte in diesem Fall, auch das politische Washington erreicht. Der erste, der sich ungefragt bereits am 8. Juli zu Wort meldete, war der bekannte Schwerenöter Bill Clinton. Dafür gab es einen handfesten Grund, denn in dem Bordbuch der Boeing 727, einer wahren Fundgrube für die Ermittler, ist der Ex-Präsident als häufiger Passagier in alle Erdteile verzeichnet. Clinton ließ eilends ein Statement veröffentlichen, mit dem er sich von Epstein distanzieren wollte: „Präsident Clinton ist damals im Auftrag seiner gemeinnützigen Stiftung mitgeflogen und hatte jedes Mal Secret Service Agenten mit dabei. Er hat schon über 10 Jahre nicht mehr mit Epstein gesprochen und weiß nichts über die schrecklichen Verbrechen, die Jeffrey Epstein zur Last gelegt werden.“ Das ist eine Mitteilung, die mehr Fragen aufwirft, als sie beantwortet. Denn der Ex-Präsident bestreitet nicht und kann es auch nicht, dass er in dem Zeitraum, in dem Epstein seine „schrecklichen Verbrechen“ beging, zu dessen engem Freundeskreis gehörte und keinesfalls dauernd von Secret Service Agenten begleitet war.

Das gilt auch für Donald Trump. Der US-Präsident kennt Epstein schon seit vielen Jahren, sie verkehrten in den selben Kreisen. 2002 hatte er, so der Trump-Biograf Tim O’Brien, in einem Interview gesagt: „Ich kenne Jeff seit 15 Jahren. Toller Typ, mit dem man viel Spaß haben kann. Er soll schöne Frauen so sehr mögen wie ich. Viele davon sind eher jung. Ohne Zweifel, Jeffrey vergnügt sich in seinem Privatleben.“ Aus dieser Zeit gibt es ein aus heutiger Sicht verstörendes Foto: Donald Trump mit Melania, Jeffrey Epstein und dessen Vertrauter Ghislaine Maxwell. Die 57-jährige Tochter des früheren britischen Medienmoguls Robert Maxwell, die international ebenso hochrangig vernetzt ist wie Epstein, spielt in diesem Skandal eine höchst undurchsichtige Rolle.

Arbeitsminister Alexander Acosta ist inzwischen wegen der öffentlichen Kritik an dem damaligen “Plea Deal“ zugunsten Epsteins zurückgetreten. Aber aus der Schusslinie ist er damit nicht. Der Kontrollausschuss des Repräsentantenhauses hat ihn für den 23. Juli vorgeladen. Er wird bohrende Fragen beantworten müssen und sich dabei auf äußerst gefährlichem Terrain bewegen. Denn die Justiz arbeitet jetzt eine umfangreiche Kontaktliste Epsteins ab. Und Julie K. Brown, die couragierte Investigativ-Journalistin, stieß bei ihren Recherchen auf zahlreiche Hinweise, aus denen sich ergibt, wie sich Freunde und Bekannte Epsteins mit minderjährigen Mädchen versorgen ließen. Der „Miami Herald“ hat sein Pulver noch längst nicht verschossen. Und deshalb steht der Skandalfall Jeffrey Epstein erst am Anfang. Präsident Donald Trump ist bis jetzt nicht direkt betroffen. Vorsichtshalber ließ er die Medien wissen, er habe Epstein den Zutritt zu seinem Golfclub Mar a Lago in West Palm Beach untersagt, weil Epstein dort ein Mädchen sexuell belästigt habe, und ohnehin habe er sich mit ihm zerstritten. Bislang trägt diese Version. Wie gesagt, bislang.

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